Donnerstag, 12. August 2010

WM Afterhour

Gestern war es nun so weit. Ein Land voller Exstase und Begeisterung. Naja, zumindest ich voller Extase und Begeisterung. Genau einen Monat nach dem WM Finale in der Soccer City gab es das nächste Highlight im afrikanischen Fußball. In einem Freundschaftsspiel trat Bafana Bafana gegen die Black Stars an. Südafrika gegen Ghana im FNB Stadion. Dieses Stadion ist zufälligerweise dasselbe Stadion wie das National Stadion und gleichzeitig auch die Soccer City. Heute wurde entschieden, dass das größte Stadion Südafrikas nach einer der größten Banken Südafrikas benannt wird. Diesen Namen hatte Soccer City auch schon vor der WM, wurde dann aber aus FIFA-rechtlichen Werbegründen für 4 Wochen zur Soccer City.
Naja, jedenfalls sollte es wieder Fußball geben und das war für mich doch die Gelegenheit die knapp verpasste WM ein wenig nachzuholen. Sogar in der Tagesschau wurde, im Zuge des großen Streiks des öffentlichen Dienstes hier am Dienstag, das Spiel erwähnt. Dabei fiel auch der Kommentar, dass 4 Wochen nach der WM alles wieder back to normal ist. Ähm, na klar ist Südafrika vier Wochen, nach dem die Fans und die Presse und vorallem die Fußballspiele der WM weg sind, nicht mehr im Ausnahmezustand. Aber wie back to normal alles wieder ist, durfte ich auch noch erfahren.
Gegen Nachmittag ging es also los. Ich hatte dabei, was man für ein Fußballspiel braucht: drei paar Socken, zwei Pullover, eine Traingsjacke, eine Jacke, eine Decke und natürlich eine Vuvuzela. (bevor jetzt wieder Flitzergerüchte aufkommen, natürlich hat ich auch ne Hose mit.)
Ich holte Ralf von der Arbeit ab und betrat dabei zum ersten Mal den Boden der Konkurrenz Uni. Von dort aus ging es zur Park Station, von wo aus wir einen Zug zum Stadion nehmen wollten, welches in unmittelbarer Nähe des bekanntesten Townships Soweto steht. Doch an der Park Station angekommen ging das Normale los. Wir hatten überhaupt keine Ahnung wo wir hinmussten, welchen Zug wir nehmen sollten und überhaupt. Zur WM war alles voll mit Menschen, alles war detailreich ausgeschildert und überall standen Ordner herum, welche den Weg gewiesen haben. Ohne all diese Details verlor selbst Ralf die Orientierung. Aber das war nicht nur unser Schicksal, und so fand sich eine Menschenmenge ausgestattet mit Vuvuzelas, Fahnen, Trikots und anderen Fanartikeln auf einem Gleis des Bahnhofes zusammen. Gemeinsam umrundeten wir einen Sicherheitsmann und forderten eine Auskunft. Der arme Mann funkte sofort einen Kollegen an, der uns dann mitteilte, dass es keinen Zug zum Stadion mehr gebe, die seien alle schon dort. Wir sollten doch den Bus von der Commissioner Street nehmen. Der Anpfiff rückte immer näher und Wenige wussten, wo denn diese Haltestelle sei. Diese gingen dann aber zielbewusst voran und die unwissende Menge hinterher. Wir marschierten also etwa eine halbe Stunde durch Downtown Jozi. Straßenhändler, die gerade ihre kleinen Läden zusammenpackten, Autofahrer und alle, die sonst noch auf den Straßen unterwegs waren, sahen uns verwirrt hinterher. Und verwirrt waren auch wir. Ich fragte mich teilweise, ob wir denn noch den richtigen Leuten folgen und ob diese denn wirklich wissen, wo sie hinmüssen...Doch schließlich hörten wir das erlösende Summen eines Schwarms Bienen und wir wussten: das ist ein Bus voller Fußballfans. Wir waren gerettet. Mittlerweile war es kurz nach acht und wir hatten die Hoffnung, dass wir nur die ersten 5-10 Minuten des Spiels verpassen würden. Nach einer trötenden Busfahrt sahen wir die leuchtende Schüssel in der südafrikanischen Nacht. Jetzt schnell rein. Aber da ich vier Karten gekauft hab und zwei Personen kurzfristig abgesagt hat, wollt ich die zwei übrigen Karten noch für 50Rand pro Karte (immerhin nur 50% des Originalpreises) verticken. Ich wusste ja, dass das Spiel nicht ausverkauft war und merkte deshalb schnell, dass ich mit den professionellen Karternvertickern nicht mithalten konnte. Diese verkauften die Karten für 2-10Rand (wurden sie aber auch nicht los). Hätt ich das vorher gewusst, hätt ich viel Geld gespart. So liefen die Gespräche wie folgt ab: "Hi, brauchste ne Karte?" "Ne, aber brauchst du eine?". Die Mission war also gescheitert und wir wollten schnell ins Stadion. Das wurde aber auch verhindert, durch einen jungen Fußballfan, der ein Foto mit mir schießen wollte. Und plötzlich kamen von überall her Menschen und wollten ein Foto mit mir schießen. Tja, weiß ja. Aber ich wollte ja auch das Spiel sehen...Wir sind also hineingestürzt, haben den erstbesten Block für gut befunden und hinter dem Tor auf zweiter Ebene Platz genommen. Pünktlich zum Ende der Begrüßung der Spieler durch Südafrikas Präsident Jacob Zuma und dem Beginn der Nationalhymnen, die allerdings auch schon 10Minuten hinter dem Zeitplan hingen. Auch hier war alles wieder normal.

die Teams und der Präsident hören die Hymnen


Jacob Zuma auf der Anzeige

Das Stadion war nur zur Hälfte gefüllt und so blieben die oberen Ränge fast komplett leer. Die meisten Zuschauer waren selbstverständlich im Bafana Bafana Trikot erschienen samt allen erdenkbaren Gegenständen, die ein Fans so haben kann. Besonders gefallen mir ja die Bauarbeiterhelme mit den Kunstwerken oben drauf (geht von Stickern über Windmühlen bis ganzen Welten). Neben den unzähligen Südafrikaflaggen sah man aber auch viele Ghannaflaggen, und auch sonst viele Landesflaggen von Niederlande bis Swaziland. Auch Ralf hatte sowohl Ghana- und Südafrika dabei, frei nach dem Motto: mal kieken, wer besser spielt. Und natürlich hörte man die ganze Zeit die Vuvus. Nach einem kurzen Seitenwechsel nach der Seitenwahl, der uns eigentlich ganz und gar nicht gepasst hat, ging es auch schon los.

Motivationskreis kurz vor Anpfiff


der Rang unter uns

Wir saßen in der ersten Halbzeit also hinter Südafrikas Torhüter Itumeleng Khune und sahen ein teilweise sehr gut kombinierende südafrikanische Mannschaft. Das Spiel fand hauptsächlich in der ghanaischen Hälfte statt, war aber geprägt durch Verletzungspausen. Mehrere Spieler mussten behandelt werden, weil sie angeschossen wurden, der ghanaische Torhüter Richard Kingson sogar mehrfach. Ja, es tut schon weh, wenn ein Ball auf die kalte Haut kracht. Es waren um die 0° Celsius.
In der 42Minute passierte es dann. Unmittelbar neben mir schmiss ein Zuschauer, ohne zu überlegen und ohne Grund, seinen vollen Bierbecher in den unteren Rang. Dies kam dort natürlich gar nicht gut an und alle mockierten. RuckZuck standen FÜNF Polizisten vor dem ca 20-jährigen, weißen Becherwerfer, dem man deutlich ansah, dass er sich fragte: Warum hab ich das eigentlich getan, und zerrten ihn heraus. In dem Moment fingen alle, die nicht von dieser Action gefesselt waren, an zu jubeln: 1:0 für Südafrika durch Katlego Mphela. Toll, ich hab's nicht gesehen, nur die Wiederholungen auf der Anzeigetafel und den Jubel der Spieler.

Freude nach dem 1:0

Nach 5 Minuten Nachspielzeit in der ersten Halbzeit folgte der Halbzeitpfiff. Während sich Ralf auf die Suche nach kaltem Bier (genau richtig bei den Temperaturen) machte, schaute ich mir die Halbzeitshow an. Erst rannte die U17 Frauennationalmannschaft zweimal über den Platz. Dieses Team nimmt bei der WM teil, die am 5.9.2010 in Trinidad and Tobago beginnt. Dann folgte eine Gesangs- und Tanzeinlage einer südafrikanischen Sängerin, deren Namen ich nicht verstand, und ihren Tänzerinnen. Alle sehr unpassend angezogen für die Temperaturen der Nacht, aber so wurde zumindest den Männern wieder etwas wärmer. Und pünktlich zum Wiederanpfiff hatte ich dann ein kaltes Bier in der Hand. In der zweiten Halbzeit beschränkte sich Südafrika dann mehr darauf, die Führung zu verteidigen. Sie waren nur noch selten vor dem Tor hinter welchem wir saßen anzutreffen. Aber auch die schwache ghanaische Mannschaft hat sich nicht sonderlich angestrengt, so dass es kaum noch Torchancen gab und das Spiel etwas lahmer wurde. Dazu die Kälte, eingemurmelt in Sachen und Decke und die dauerhaften Vuvuzelas (die überhaupt gar nicht monoton sind, man kann damit schon Melodien kreieren), das hatte schon fast wieder was beruhigendes. Aber bei südafrikanischen Fußballfans zählt (wie auf Berliner Bolzplätzen) ein schöner Trick, ein toller Tunnel, eine raffinierte Flinte eh viel mehr als ein langweiliges Tor und so wurden diese kleinen Spielereien jedes Mal frenetisch gefeiert. Ab der 80Minute leerte sich das Stadion dann rasant, sodass ich befürchtete, dass zum Abpfiff niemand mehr da ist. Aber wir plus ein paar andere Harte haben bis zum Abpfiff ausgehalten und so konnt ich ihn dann doch noch entdecken: Kevin Prince Boateng. Er stand nicht, wie großartig angekündigt und vermutet auf dem Platz, sondern in mitten der Zuschauer im Rang unter uns...ähm, fast.

Kevin Prince war also doch da...

Für den Rückweg hatten wir dann den Transportgott auf unserer Seite. Wir versuchten einen Zug zur Park Station zu finden, fanden einen, fanden Sitzplätze, und kurze Zeit später stiegen wir um in ein Auto mit Heizung und waren eine halbe Stunde nach Abpfiff zuhause, wo ich mich mit all den Klammotten plus drei dicken Decken ins Bett murmelte...

WM-Unglücksrabe Gyan Asamoah, der gegen Uruguay einen Elfmeter in der 120ten Spielminute an die Latte setzte und Südafrikas Liebling und WM-Held Siphiwe Shabba Tshabalala

Ja, das ist Fußball. Die große Leidenschaft (zumindest seit der WM auch bei den sonst eher Rugby favorisierenden weißen Südafrikanern) der Südafrikaner. Man merkt schon, dass Fußball viel kann, im Sinne von kulturellem Zueinanderbringen. It's more than just a game (schaut euch diesen Doku-Spielfilm über die Fußball-Liga auf Robben Island zu Zeiten der Apartheit. Super!!!)

Dienstag, 10. August 2010

Sturmfrei in Joburg

Zwei Wochen bin ich nun schon in Südafrika. Es kommt mir gar nicht so vor. Die Zeit vergeht hier immens schnell.
Letzte Woche wurde ich ja bereits von meiner Praktikumsmutter Frau Baker alleine gelassen und seit letztem Mittwoch hatte ich dazu auch noch sturmfrei zuhause. Matthias ist bereits am Montag hier ausgezogen und zurück nach Deutschland geflogen und am Mittwoch ist Ralf zu einer Dienst-/Urlaubsreise in den Norden Südafrikas aufgebrochen. Auch viele Leute, die ich hier bereits kennen gelernt habe, haben das vergangene Wochenende für eine Kurzreise genutzt, denn der Montag war ein Feiertag (Woman's Day). Ab heute ist nun wieder alles beim Alten. Frau Baker ist wieder uín der Uni und Ralf wieder zuhause. Naja fast alles ist wieder beim alten, denn heute gab es einen großen Streik der Lehrer und anderer Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes. Die Streikkultur ist in Südafrika ja sehr verbreitet und beliebt. Ein Streik wird hier nicht ein Streik genannt, wenn nicht mindestens 50.000Leute teilnehmen. Dementsprechend lahm iegt in der Streikzeit das Land. Auch habe ich mir sagen lassen, dass die Streikenden eine sehr kompromisslose Verhandlungsstrategie haben. Hier mal ein Auszug:
Streikende: "Wir wollen 8.5% mehr Lohn!"
Arbeitgeber: "Das ist zu viel. Wir bieten euch 6.5%!"
Streikende: "Wir wollen 8.5% mehr Lohn!"
Arbeitgeber: "Das ist zu viel. Wir bieten euch 7%!"
Streikende: "Wir wollen 8.5% mehr Lohn!"
Arbeitgeber: "Das ist zu viel. Wir bieten euch 7.5%!"
...
Streikende: "Wir wollen 8.5% mehr Lohn!"
Arbeitgeber: "Na gut!"
das sagt die Taz dazu

Ich hatte ja teilweise das Gefühl, das auch meine Studenten streiken. Am Dienstag haben sie eine Klausur geschrieben. Zum ersten Mal waren alle Studenten dafür anwesend. Aber ich musste ja nicht viel mit ihnen machen. Nur aufpassen, dass niemand abschreibt oder sonstwie schummelt. Ganz souveräne Aufgabe für mich. Mittwoch, zur Übungsstunde, kam genau ein Student und der kam auch noch 10Minuten zu spät. Ich war schon ganz verzweifelt. Ich habe mich stundenlang auf die Stunde vorbereitet. Alles sollte nach Plan laufen und dann kommt niemand. Ich dachte erst ich bin am falschen Tag zur falschen Zeit im falschen Raum, aber immerhin kam ja dann doch ein Student, der aber dafür seine Arbeitsblätter nicht dabei hatte...da hieß es dann improvisieren und wir haben eine Landeskundestunde gemacht. Er hatte tausend Fragen über Deutschland, die ich ihm so gut es ging beantwortete.

Zu unsere Lektürestunde am Freitag, zu der diesmal der Lehrer 10Minuten zu spät kam, da er sich diesmal an der Zeit geirrt hat, waren dann wieder mehrere Studenten anwesend. Ich erwähnte, dass ich ein wenig enttäuscht war über die mittwochliche Anwesenheit. Natürlich entschuldigten sich alle und gelobten Besserheit. Aber was soll ich sagen, hier gibt es halt keine Anwesenheitspflicht. Die Hälfte des Kurses lernt Deutsch nur, weil sie müssen und alle haben nebenbei ein Fulltime Studium und/oder Job. Da kann man ja nicht jedes Mal kommen. Aber das ist nur eine kleine Herausforderung, die ich meistern werde.
Da ich ja nur 6Wochenstunden habe, die ich mir nun auch noch mit Frau Baker teile, da sie ja auch nicht mehr zu tun hat, bin ich ja gerne bereit meinen Studenten Nachhilfe zu geben. Mein besonderer Fall heißt Travis. Travis studiert fulltime und macht nebenbei ein Praktikum an einer Schule. Das bedeutet, dass er nur einmal wöchentlich zum Unterricht kommen kann. Mit ihm traf ich mich also samstags in einer Bar und dachte ursprünglich an einen lockeren Tag mit einem Drink und etwas Nachhilfe. Doch es entpuppte sich als knüppelharter 5Stunden Unterricht. Travis lernt sehr langsam, was er auch offen zugibt und stellt dafür aber viele Fragen (er ist im normalen Leben Psychologiestudent...noch Fragen). Jedes Mal, wenn ich dachte, jetzt hat er es, ging es wieder von vorne los. Wir haben also die gesamte Zeit damit verbracht Nominativ, Prädikat, Dativ und Akkusativ in einfachen Sätzen zu bestimmen. Er ist nämlich großer Anhänger von grammatikalichen Regeln, was mit der Lehrmethode, die in der Uni angewandt wird (Grammatik erlernen durch Reden, Schreiben, Lesen) nicht ganz so vereinbar ist. Mir wurde ja vorher gesagt, dass ich geduldig sein soll. Ich habe es auch probiert, aber nach 5h musste ich mir doch eine Ausrede einfallen lassen, um zu fliehen. Naja, heute hatten wir unseren zweiten Nachhilfeunterricht. Drei Stunden Nominativ, Dativ, Akkusativ bestimmen...ich werd bestimmt davon träumen. Aber er meinte zum Ende, dass er nun alles verstanden hat. (Leider hängt er jetzt schon wochenlang hinter den anderen...) Und zur Belohnungzeigt er mit Stadt und Bars.

Das gesamte Wochenende haben Stingy und ich dann die Stadt unsicher gemacht, haben uns Sehenswürdigkeiten und Ähnliches angeschaut. So waren wir zum Beispiel in Sandton City, ein riesiges Shoppingcenter, gegen dies das Alexa mickrig wirkt. Dort fand man wirklich alles: Armani Store neben Gucci neben Prada neben... und alle haten Winterschlußverkauf. Da hab ich direkt zugeschlagen und mir 2 Zeitungen gekauft...den Rest konnte ich mir nicht leisten. Dafür hab ich ein kleines Kaffeechen auf dem angrnzenden Nelson Mandela Square trinken können. Dazu Zeitungen lesen in der südafrikanischen Wintersonne...

Madiba Statue auf dem Nelson Mandela Square mit Sandton Tower

Sandton ist das reichste Viertel in Joburg und gilt sogar als wohlhabenster Quadratkilometer (dabei ist Sandton 1,6qkm groß) Afrikas. Nach dem Ende der Apartheit war die Innenstadt Joburgs nicht mehr nur den Weißen vorbehalten und so strömten viele Afrikaner in die Innenstadt. Die reichen, weißen Minenbosse und sonstige Geschäftsmänner verliessen die Innenstadt und sind nach Sandton umgesiedelt. Die Innenstadt erlebte daraufhin eine Dekade der Verwahrlosung und somit Anstieg der Kriminalität. Noch heute sind viele Bürohochhäuser in der Innenstadt verlassen, auch wenn es seit einigen Jahren Innitiativen gibt die Innenstadt kulturell und wirtschaftlich zurückzugewinnen. Trotzdem warnen viele (eigentlich kann man sagen: alle)davor bei Dunkelheit durch Viertel wie Hillbrow, Berea oder Yeoville zu gehen/fahren. Auch ist nicht zu verachten, dass Sandton direkt an Alexandra grenzt, einem riesigen Township und fast der ärmste Quadratkilometer in Südafrika. So eng und so krass sind die Gegensätze in Südafrika

Skyline von Downtown Joburg (links mit Hillbrow Tower)

Gerade Hillbrow, wo der Johannesburger Fernsehturm steht, welcher natürlich aufgrund der Sicherheitslage nicht zugänglich ist, ist berüchtigt. Sieht man doch dort und auch sonst in der Stadt Menschen mit Cappies und Shirts mit der Aufschrift:"Badboys Hillbrow". Was aber wie ein Gangname scheint, ist der Name einer Sicherheitsfirma, die Kriminalität in Hillbrow bekämpfen. Die Art und Weise, wie sie dies tun, ist ...naja...Aber mit der Sicherheit kann man hier gutes Geld verdienen, es geht los bei Elektrozäunen, Alarmanlagen, Sicherheitsteams...nicht umsonst ist der eine oder andere Minister gleichzeitig Boss eines Sicherheitunternehmens...Wie, glaub ich schon mal erwähnt. Sicherheit und Fußball sind die Lieblingsthemen vieler Südafrikaner.
Das bringt mich zu meinem nächsten Punkt. Morgen darf ich ein wenig WM-Afterparty Luft schnuppern. Da geht es zum Freundschaftsspiel Südafrika vs Ghana nach Soccer City, dieses Stadium heißt eigentlich National Stadium und wurde nur zur Wm so genannt. Da freu ich mich drauf, auch wenn es morgen noch einmal den letzten richtigen Wintertag geben soll mit 15Grad tagsüber und 0 bis 1Grad nachts...

Und nun zu einer Beobachtung, die ich für sehr nennenswert halte. In einer Stadt, in der es unzählige Autos gibt und jeder überall mit dem Auto hinfährt (besonders auch auf kurzen Strecken und ich bezweifle stark, dass die Kurze-Strecken-Auto-Fahren ist viel umweltfreundlicher als lange Strecken fahren Theorie hier so fruchtet (du hiermit angesprochene Person, weiß schon, dass ich sie meine)), gibt es natürlich sehr viel Verkehr und sehr viele Unfälle. Und natürlich fallen auch gerne mal die Ampeln aus. Trotzdem ist man auch an riesigen und überfüllten Straßenkreuzungen ohne funktionierende Ampel schnell wieder weg, denn hier fährt jeweils abwechselnd eine Reihe von jeder Seite. Sehr gerecht und schwupps ist man über die Ampel. Man muss es nur wissen und darf natürlich nicht glauben, dass man Vorfahrt hat, weil man ja auf ner Vorfahrtsstraße ist...übrigens funktioniert das gleiche System auch an kleineren Kreuzungen und Kreisverkehren. Rechts vor links oder solche Späße gibt es nicht...

Gut, dann bleib ich halt wachsam. Bis demnächst:
Sharp (das ist hier die Kurzform von "alles ist cool")

Montag, 2. August 2010

Mit dem Auto durch das Wochenende

Vor Beginn des Praktikums habe ich zwei Informationsbroschüren von DAAD und der Industrie- und Handelskammer (RSA) bekommen, in denen jeweils empfohlen worden ist, sich hier ein Auto zu mieten. Es sei sicherer und man ist unabhängiger, da nach Einbruch der Dunkelheit kaum noch Minibusse fahren. Die preisgünstigsten Autos werden bei Cue Let Cars verliehen, welche ihren Sitz im jüdischen Viertel haben. Man könnte auch sagen, dass alle deutschen Praktikanten ihr Auto dort geliehen haben. So auch ich. Das Büro sah/sieht aus wie eine Baustelle. Justin, der jüdische Autovermieter entschuldigte sich tausendmal dafür und behauptete, dass sie grade renovieren. Ich habe aber von anderen Seiten gehört, dass es dort seit Jahren so aussieht. Auf dem Hof standen unzählige, alte Autos. Kein Wunder, dass dieser Verleiher so günstig ist. Die Autos sahen teilweise so aus, als wenn sie auseinander fallen würden, wenn man die Tür etwas fester zuschlägt. Hauptsache sie fahren, wie auch immer, ist wohl das Motto. Von anderen Praktikanten habe ich auch die schönsten Geschichten gehört, wie ihr Auto einfach so in den fantastischsten Situationen den Geist aufgegeben hat. Aber Justin soll wohl exzellenten Service anbieten und die Autos immer wieder in Schwung bringen. Da ich keinen internationalen Führerschein besitze, wollte er mir erst kein verleihen, aber nachdem ich ihm versprach diesen so schnell wie möglich nachzureichen, bekam ich meinen Stingy.
Es ist ein 6 Jahre alter Mazda Sting, ohne Servolenkung und die Handbremse funktioniert auch nicht richtig. Dafür hat es Zentralverriegelung, auch wenn ich später festgestellt habe, dass die Zentralverriegelung willkürlich Türen offen lässt und man immer sicher gehen muss, dass alles verriegelt ist. Aber das Beste ist: das Auto fährt.
Meine erste Fahrt im Berufsverkehr am Freitagnachmittag lief dann auch besser als gedacht. Den Weg fand ich dank meines ausgezeichneten Orientierungssinnes sofort. Und auch mit dem Linksverkehr hatte ich so gut wie gar keine Probleme, denn ich habe den wertvollen Tipp bekommen, dass das Lenkrad immer innen sein muss. Mein anfänglich größtes Problem war das Schalten. Jedes Mal wenn ich den Gang wechseln wollte, stellte ich verwundert fest, dass dort ja gar kein Schaltknüppel ist, sondern die Fahrertür…Aber nach einiger Zeit hab ich mich daran gewöhnt mit links zu schalten. Schwieriger in den Kopf zu bekommen, fand ich es, dass ja auch der Blinker auf der anderen Seite ist. Ich habe also jedes Mal, wenn ich irgendwo abbiegen wollte, die Scheibenwischer eingeschaltet. Aber bis auf mich hat das niemanden gestört, denn hier blinken eh die wenigsten Autofahrer. Mittlerweile klappt das Fahren super und ich heize quer durch die City. Ich habe nur Angst vor einem Unfall, da es hier schon einige sehr rücksichtslose Autofahrer gibt. So habe ich, in der Nähe meines Hauses, an einer uneinsehbaren, großen, stark befahrenen und gefährlichen Kreuzung, an drei aufeinanderfolgenden Tagen einen schweren Unfall gesehen.


Stingy vor meiner Bleibe

Mit meinem Sting bin ich auch zu den drei Partys, die am Wochenende stattfanden, gefahren. Dabei lernte ich die Stadt etwas besser kennen, da ich mich bisher jeden Tag einmal verfahren habe. So wollte ich beispielsweise auf der Autobahn in Richtung Norden fahren, habe aber die falsche Auffahrt genommen, da diese häufig überhaupt nicht ausgeschildert sind, und bin stattdessen in Richtung Süden gefahren. Einfach nächste Abfahrt runter und auf der anderen Seite wieder rauf ist so gut wie nicht möglich, weil Johannesburg zu einem großen Teil aus Einbahnstraßen zu bestehen scheint. Und einmal ne Runde um den Block zu machen, ist auch leicht verwirrend. So habe ich also mein ersten selbstständigen Erkundungen in Downtown Jozi gemacht, obwohl das nicht so geplant war. Ich habe die Straße mit der höchsten Dichte an Obdachlosen (führt genau unter der Autobahn lang) kennen gelernt. Immerhin bin ich durch gute Orientierung und noch bessere Kartenlesefähigkeiten (obwohl dies auch etwas schwieriger sein kann, weil an vielen Namen kein Straßenname steht) immer irgendwann dort angekommen, wo ich hinwollte.

Die Freitags- und Samstagsparty fanden bei Leuten zuhause statt, entweder Freunde/Mitarbeiter von Ralf oder Matthias oder beiden. Eine Party fand in einer riesigen Villa, wo eine 5er WG drin wohnt, statt, eine in einem Cottage. Die Gäste waren alle weiße Südafrikaner, Deutsche oder Franzosen. Studenten oder Praktikanten/Dozenten der Wits University oder Mitarbeiter des DAAD, die auch in der Wits untergebracht sind. Ich war also der einzige UJler und bekam sofort mit, dass zwischen beiden Universitäten starke Konkurrenz herrscht. Glücklicherweise wurde ich nicht gleich wieder rausgeschmissen.
Die Samstagsparty war übrigens ein Braai, dies ist eine südafrikanische Leidenschaft, fast schon ein Lebensgefühl. Man darf unter gar keinen Umständen einen Braai ein Barbeque nennen. Das wäre ein Kardinalsfehler. Aber im Endeffekt ist ein Braai auch nicht großartig verschieden von einer Grillparty, nur dass alles viel professionller durchgezogen wird...
Die Sonntagsparty war dann openair auf einer kleinen Wiese auf einem Hügel in Sophiatown (hierbei die Buchempfehlung „Sophiatown“ von Don Marterra, einem Italo-Coloured, der die große Umsiedlung in Sophiatown zu Zeiten der Apartheid persönlich mitbekommen hat). Dort wurde ein Pavel aufgebaut, darunter stand ein höchstmodernes CD-DJ-Set und es die DJs spielten die ganze Zeit laute Housemusic. Südafrika hat immerhin die florierenste House-Music-Szene der Welt und wenn man hier südafrikanische Musik hören möchte, dann kommt man daran nicht vorbei. Ich habe aber auch schon ein paar Kontakte geknüpft zu Personen, die mir die Reggae/Dancehall und HipHop/Kwaito Szene Joburgs zeigen möchten…
Bei dieser Party, die eher wie ein gemütliches Picknick begann, waren wir die einzigen Weißen. Uns wurde gesagt, dass man deutlich merkte, dass wir keine Südafrikaner seien, da weiße Südafrikaner wohl nie zu solchen Partys gehen würden. Aber alle fanden es wunderbar, dass wir da waren und gemeinsam den Sonntag verbrachten. Insgesamt waren nur ca 30 Leute da und alles hatte einen sehr familiären Flair. Nach Einbruch der Dunkelheit wärmten wir uns dann auch alle gemeinsam am Feuer.

Party hard
Übrigens habe ich beim allerersten Versuch Ralfs Rekord in einem Spiel auf der Wii seiner Ehefrau geknackt. Na da war was los und ich musste kurzzeitig zittern, weil ich Angst hatte vor die Tür gesetzt zu werden. Glücklicherweise habe ich mit einem Gastprofil gespielt und wurde somit nicht gespeichert. Nochmal Glück gehabt…Puh

University of Johannesburg


Die University of Johannesburg oder auch UJ, wie sie hier genannt wird, ist die drittgrößte Uni Südafrikas. Auf insgesamt 4 Campusen studieren 47.000Studenten. Der Hauptcampus liegt in Auckland Park, ganze 5 Fußminuten von meiner Unterkunft. Auch die Faculty of Humanity liegt im Hauptcampus und zu dieser gehört auch das German Department.
Die Uni wurde in den 60er Jahren als reine Afrikaans Universität gegründet, quasi als Gegensatz zu Witwatersrand University, welche die zweite, kleinere aber ältere Uni in Joburg ist und als reine Englisch Uni gedacht war.
Irgendwann gegen Ende der Apartheid merkte man dann, dass es sich nicht lohnt eine Uni zu haben in der nur Afrikaans Muttersprachler studieren und man öffnete die Uni auch für andere Sprachen (also Englisch). Heute ist die Uni bilingual, was man auf allen Schildern deutlich erkennen kann.
Besonders schön ist die Uni nicht gerade, aber dafür sehr beeindruckend. Das Hauptgebäude besteht aus einem riesigen 7 Stockwerken hohem Haus aus Sichtbeton. Dabei sind die Etagen etwas schräg angeordnet, sodass man in einem Aufzug auf die 7 drücken muss und im Nächsten auf die 6, um auf dieselbe Etage zu gelangen. Allgemein ist dieses Riesengebäude sehr undurchsichtig am Anfang, weil nirgendwo steht, wo welches Institut liegt. An das Hauptgebäude anschließend sind kleinere Gebäude mit der Bibliothek, den Vorlesungsräumen. Ein großer Park mit Springbrunnen gehört dazu, genauso, wie ein kleines Einkaufszentrum. Dahinter erstrecken sich dann die Wohnheime der Studenten. Ich bin bisher einmal kurz durchgegangen und glaube, dass die Häuser nach Jungen und Mädchen getrennt sind. Dahinter liegen dann die Wohnhäuser einiger wichtiger Universitätsmitarbeiter. Der Rektor wohnt z.B. in einer riesigen pompösen Villa. Das schönste an der Uni ist die hohe Lage, sodass man einen ganz fantastischen Blick über Downtown Joburg hat.


Ein Teil des Hauptgebäudes

Ich habe die Uni am Mittwoch zum ersten Mal betreten. Meine Praktikumsverantwortliche Dr. Anne Baker holte mich vom Eingang ab, damit ich an den schweren Sicherheitskontrollen vorbeikam (ok, ich hab mir sagen lassen, dass man die mit ner guten Geschichte auch passieren kann). Anne Baker ist Mitte 50, Südafrikanerin und die Dozentin für Deutsch an der UJ. Sie führte mich durch das riesige Hauptgebäude, in dem ich das Gefühl hatte, eine winzige Ameise zu sein, in das German Department. Das German Department ist so winzig, dass es im Institut für Griechisch und Latein untergebracht ist. Es besteht aus 2 Büros und momentan aus einer Mitarbeiterin, Anne Baker. Zwar gibt es noch ein Sekretariat, aber dieses befindet sich in einem anderen Institut auf einer anderen Etage und ist gleichzeitig das Sekretariat für Französisch und semitische Sprachen (Arabisch, Hebräisch). Es gibt momentan auch nur einen Deutschkurs an der UJ. Einen Erstsemesterkurs für 8 Studenten, wobei Einer momentan mit einem Schulpraktikum beschäftigt ist und privaten Nachmittagsunterricht bekommen soll, sofern ich diesen denn geben möchte, und ein weiterer Student, der weit über die 50 ist und eigentlich kein Student ist, sondern Sprachforscher, ist momentan für 6 Wochen in Deutschland, um dort einen Sprachkurs zu belegen. Also besteht der Kurs aus 6 Leuten, die dreimal zwei Stunden Unterricht haben in der Woche. Meine Arbeitswoche hat also 6 Stunden Arbeitszeit plus Vor- und Nachbereitung. Die restliche Zeit steht für eigenständige Erforschungen zur freien Verfügung…
Den komplette Mittwoch waren Anne Baker und ich damit beschäftigt, das Sicherheitsoffice zu suchen, damit ich meine Zugangskarte bekomme. Dafür sind wir von A nach B nach C nach B nach D nach B nach D nach B nach E nach … Niemand konnte uns irgendwie sagen, wo sich dieses Büro denn eigentlich befindet und so bekam ich gleich eine wunderbare Führung über den Campus. Schließlich fanden wir ein kleines Büro, wo die Zutrittskarten ausgestellt werden, aber ich musste erst einige Formulare ausfüllen, die es dort nicht im Büro gab, also wieder zurück. Letztendlich habe ich nun aber meine Zugangskarte. Ich war echt froh, dass mich Anne Baker begleitete, ansonsten würde ich jetzt noch über die weiten Gänge der UJ schleichen, halbverdurstet und verhungert.

Seit Donnerstag leite ich für 1,5 Wochen das German Department alleine, weil Anne Baker für eine Konferenz nach Polen geflogen ist. Meine erste Amtshandlung war es, einen ganzen Tag durch die Uni zu suchen, um jemanden zu finden, der mir Internetzugang für mein Büro beschaffen kann. Und es ging von A nach B nach … Immerhin habe ich irgendwann das IT Department gefunden, wo ich einen Antrag stellte und mich als External Contractor ausgab, der momentan für die UJ arbeitet. Ich hoffe nun, dass die mir innerhalb der nächsten drei Tage (Wochen) das Internet freischalten.

Freitags ging dann der Ernst des Lebens los. Mein erster Unterrichtstag. Lektürekurs, behandelt wurde die Kurzgeschichte „2Männer“ von Günther Weisenborn, wer auch immer das sein soll… Von meinen 6 Studenten waren nur 3 anwesend, und diese waren mit der Geschichte stark überfordert. Der Text lag eindeutig weit weit weit über den Leistungsmöglichkeiten eines Erstsemester Deutschkurses und ich frag mich ernsthaft, warum man denn so was behandelt. Ich war also stark damit beschäftigt, mit den Studenten den Text Satz für Satz durchzugehen und zu übersetzen. Damit sie den Zusammenhang verstehen, wandte ich alle Tricks an: Mimik, Gestik, Schauspielerei… Mal sehen, was bis nächste Woche hängengeblieben ist. Ich bot ihn aber an, dass sie mich bei Problemen und bei Nachhilfewünschen kontaktieren können, im Gegenzug verlange ich nicht viel, nur dass sie mir Joburg zeigen, Sehenswürdigkeiten, Kneipen und Clubs…Das kam ganz gut an und so endete mein erster Unterricht. Anders als ich es mir vorgestellt hab, aber ok…

Mein Büroarbeitsplatz

Donnerstag, 29. Juli 2010

Ankunft in Jozi

Geschrieben am 27.7.2010 in einem kleinem Zimmerchen in Auckland Park, Joburg, Südafrika.
Also dieses Flugzeug sieht von außen spektakulärer aus, als von innen. Da sieht es nämlich aus, wie n ganz normales Flugzeug. Nichts mit Bar an Bord und Spa-Bereich…Der Flug verging trotzdem sehr schnell, auch wenn ich in der Kleinkindersektion saß und jene sich mit dem Heulen abgewechselt haben. Aber auch daran gewöhnt man sich schnell und die Frau, die neben mir saß und sich die gesamte Zeit über das Kindergebrüll aufgeregt hat, fand ich ja viel schlimmer.
Mit nur einer dreiviertel Stunde Verspätung bin ich dann am Flughafen Oliver Tembo (der Rechtsanwaltskanzleipartner von Nelson Mandela) gelandet. Gepäck war da, Geld konnte getauscht werden, Visum gelungen und sofort ein seriös wirkendes Taxi gefunden. Leider hatte es einen fortschrittlichen Taxometer, der extra für die WM eingeführt worden ist. Ich hätte den Preis nämlich lieber verhandelt, so aber hat mich die Taxifahrt ein kleines Vermögen gekostet. Dafür lieferte es mich aber direkt vor meiner neuen Haustür ab. Matthias, Ende 30, Doktorand der Ethnologie an der Uni Frankfurt und grade mit einer Feldforschung für Produktpiraterie auf lokalen Märkten beschäftigt, öffnete mir und zeigte mir das Haus. Es ist wirklich nicht besonders groß und besteht aus einem großen Wohnzimmer samt Küche und drei Zimmern. Eines ist ensuite, nämlich das des Hausherren. Ralf, Mitte 40, promovierter Germanist und Lektor des DAAD an der Uni Wits. Mein Zimmer ist eigentlich das Arbeitszimmer Ralfs. Im Vergleich zu meinem Zimmer in Malawi ist es zwar viel vollgestellter mit Büchern DVDs und dadurch gemütlicher, aber auch viel kleiner und enger und ich kann mich nicht wirklich ausbreiten. Aber ab Montag ist Matthias’ Forschung hier abgeschlossen und ich kann in sein wesentliches größeres Zimmer ziehen.
Durch die Stadt, bzw. durch die Nachbarschaft wurde ich auch schon gefahren. Mein erster Eindruck war: wie soll ich mich hier denn orientieren. Doch selbst den schon seit Ewigkeiten hier Lebenden fällt die Orientierung in Joburg sehr schwer. Dies liegt ua daran, dass die Straßennamen sich in jedem Stadtteil wiederholen. Man muss also zu jedem Zeitpunkt genau wissen, wo man sich denn gerade befindet. Meine erste Handlung morgen wird also sein, mir einen Stadtplan zu kaufen und diesen auswendig zu lernen…
Ansonsten war es sehr hektisch auf den Straßen. Volle Straßen, rücksichtslose Fahrer, noch viel rücksichtslosere Minibusfahrer, Straßenhändler, wenig Fußgänger – eine absolute Großstadt. Abends hingegen sah das Straßenbild komplett anders aus. Die Straßen wirkten wie verlassen, kaum Autos und noch weniger Fußgänger waren unterwegs. Nach Einbruch der Dunkelheit ruht die Stadt. Ein Zeichen, dass es sich hier um die ‚gefährlichste Stadt der Welt’ handelt? Ich habe meine Sicherheitsbelehrung natürlich schon bekommen. Die Belehrung deckte sich gut mit meinen eigenen Vorstellungen. Keine Angst und keine Scheu, aber auch keine Unnötigkeiten provozieren, dann passiert hier nichts. Und um dies zu beweisen bin ich mit Ralf abends gleich nach Downtown, die Innenstadt, gefahren. Die meisten Reiseführer warnen sogar davor tagsüber dorthin zu fahren und wir haben einen Nachtausflug dorthin gemacht.
Es gibt seit Jahren Initiativen die Innenstadt „zurück zu erobern“, indem Geschäfte, Firmen, Banken, Büros ihren Sitz zurück in die momentan häufig verlassenen Hochhäuser zu legen. Parallel dazu gibt es eine sehr aktive Kulturszene, die ebenfalls versuchen die Innenstadt in Schuss zu bringen. Und zu einer dieser Kulturveranstaltungen sind wir gefahren. Am Rande der Innenstadt hat ein kleines Independent-Kino eröffnet, wo der Dokumentarfilm „Shungu“ vom Zimbabwer Saki M. gezeigt worden ist, in dem es um das Zimbabwe von 2008 bis zu gemeinsamen Regierung 2009 geht. Es war die Premiere in Südafrika und Saki war selbst auch anwesend. Der Film beinhaltete außer schönen Bildern nicht viel Neues. Spannender war da schon das Publikum und die Frage&Antwort Session hinterher, sowie die Gespräche hinterher vor dem Kino. Es waren ca 40 Gäste anwesend. 50% schwarz, 50% weiß. Lustigerweise stellte sich nach und nach heraus, dass alle anwesenden Weißen Deutsche waren, von den unterschiedlichsten Institutionen wie DAAD, Goethe Institut, deutsche Schule und und und. Naja, am Wochenende sind die ersten Partys und ich bin auch eingeladen. Nach einer weiteren spannenden Fahrt nach Hause durch Downtown (mit teilweise beeindruckendem Blick auf die Nelson Mandela Bridge), bei der ich gelernt habe, dass es in Südafrika das Gesetz gibt, dass man bei Gefahr auch rote Ampeln überfahren darf (die Gefahreneinschätzung ist natürlich sehr sehr subjektiv...), ging es zurück nach Hause…
Gelernt hab ich an diesem ersten Tag, dass sich fast jeder über Sicherheit unterhält und natürlich auch über Fußball. Die WM ist hier immer noch sehr präsent. Überall hängt noch die WM-Werbung der großen internationalen Firmen und die meisten Straßen sind gesäumt mit den Fahnen der 32 WM-Teilnehmer.
Jetzt heißt’s aber schnell schlafen, um fit zu sein, für den ersten Tag an der UJ…
Nacht Freunde

Paris - Charles de Gaule Flughafen

Geschrieben am 26.7.2010, 21Uhr in Paris, Flughafen Charles d Gaulle, Terminal E, bei einem Becher Mocca und einem Schokoladenriegel, beides aus dem Automaten, weil sich alles andere ja niemand leisten kann.
Tja, und da geht sie wieder los die große Reise, die Zeit bis zum Abflug verging ja dann doch wie immer sehr schnell…Nun sitz ich schon Paris, starre auf mein Flugzeug und kann Dank modernster Technik von hier aus Blogeinträge schreiben. Ich habe mich nämlich diesmal dazu entschlossen, meinen Läppi mitzunehmen. Das wirkt einfach professioneller. Ich bin ja an sich nicht der allergrößte Fan der modernsten Technologie (also ich lehne sie auch nicht ab, aber ich muss mich jetzt nicht zwingend mit ihr beschäftigen), ich finde es aber trotzdem aufregend, mit dem neuen Airbus A380 zu fliegen. Dem gleichen Model mit dem auch die deutsche Nationalmannschaft nach Südafrika flog. Das ist schon ein beeindruckend großes Flugzeug und ich versuche grade nebenbei herauszufinden, in welchem Teil sich wohl die boardeigene Bar befindet…
Im Flugzeug von Berlin nach Paris konnte ich schon mein gesamtes Repertoire an französischem Sprachwissen an den Tag legen. Einer der netten, älteren Damen besabbelte mich vor dem Start ca 10min lang. Als sie irgendwann bereit war, den Monolog in einen Dialog zu verwandeln, schleuderte ich ihr voller Inbrunst entgegen: „Je ne comprende rien!“. Ein freundlicher junger Mann aus der Nähe, der glücklicherweise beide verstand, übersetzte mir dann, dass ich mich doch bitte ans Fenster setzen solle, wenn ich mag…Tja, genau wie ich es verstanden habe.
Der Flughafen macht mir ziemlich Angst. Um von einem Terminal zum Nächsten zu kommen, läuft man fast ne halbe Stunde und ich habe dabei mitgezählt: Ganze fünf Leute sind mir dabei begegnet. Ich hab mich schon gefühlt wie in einem billigen Horrorfilm. „Rastatier – Alleine im Flughafen“. Auch in der Wartehalle sind nur sehr wenige Wartenden, weil heute nur drei Langstreckenflieger von hier starten. Deshalb hat auch die Hälfte aller Duty-Free-Läden zu und die offenen gefallen mir nicht. Und zur Verpflegung stehen dem Reisenden nur die schon angesprochenen Automaten zur Verfügung und ein Supermarkt/Imbiss, wo man Mikrowellen-Nudeln für 7,50€ die Packung erstehen kann. Dafür darf man die Nudeln dann eigenhändig in die Mikrowelle packen und anstellen. Ein Bierchen kostet übrigens schlappe 5€. Aprospro: Ich bin ja der Meinung, dass Sicherheitsfanatiker/Politiker und die Gastronomie stark zusammenarbeiten. Wie ist es sonst zu erklären, dass man jegliche Flüssigkeit, auch kleine Flaschen Wasser, an der Sicherheitskontrolle zurücklassen muss und kurz danach kann man Wasser für 4€/0,5l kaufen??? Björne Schlaufuchs hat übrigens festgestellt, dass es das gleiche Wasser in den Automaten für 2€ gibt…
Ich werde jetzt wartend ein wenig Unterrichtsvorbereitung betreiben, oder vielleicht spiele ich mit einer Playstation 3, das ist nämlich das Einzige, was man hier umsonst machen kann.

Ich danke an dieser Stelle der gesamten Entourage, die mich am Flughafen wieder verabschiedet hat.
À bientôt. Grüße aus Paris und wir hören uns dann in Jo’burg wieder…